Zweifelhaft demokratischer VDSt zu Bonn

Als Bonner Student bin ich noch nicht mit Verbindungen in Kontakt gekommen. Das Verbindungswesen ist mir fremd, ich fühle mich weder einer akademischen Elite zugehörig, noch denke ich, dass ich mich mit anderen exklusiv organisieren müsste, um dadurch Zugehörigkeit zu empfinden und Aufstiegsmöglichkeiten zu schöpfen. Nun lasse ich aber selbstverständlich gern “jedem Tierchen sein Plessierchen” und denke auch, dass Verbindungen für manche – und mir sind auch die ein oder anderen Mitglieder solcher Verbindungen bekannt – durchaus eine lohnende und sinngebende Möglichkeit der Freizeitgestaltung darstellen. Alles kein Problem! Aber…

Ich hätte diesen Artikel ja gar nicht beginnen brauchen, wenn ich nicht doch Zweifel an diesem System hätte. Mein jüngster Zweifel ist es mir daher auch wert, hier zum Ausdruck gebracht zu werden. Eine nicht-schlagende, offenkundig, d.h. laut Eigenaussage, recht tolerante Gruppierung namens “Verbindung Deutscher Studenten zu Bonn” hat, gewollt oder ungewollt, einen sensiblen Nerv in mir getroffen, nämlich den, der aufschreckt, wenn es um gefährliche Annäherungen nach rechts außen, dort, wo es langsam bräunlich wird, geht. Da steht auf der Homepage des VDSt zu Bonn, deren Mitglieder “sollen als pflichtbewußte Bürger ihres Staates und Angehörige des deutschen Volkes” u.a.:

für die unveräußerlichen und unverletzlichen Menschenrechte sowie die Rechte ethnischer Minderheiten in ihrer angestammten Heimat auf ihre eigenständige Sprache und Kultur, insbesondere für die Verbundenheit mit allen Angehörigen unseres Volkes durch politische Unterstützung, kulturelle Föderung, soziale Hilfe und menschliche Begegnung in ihrer Verantwortung vor Gott eintreten.

[Quelle: http://www.vdst-bonn.de/wir]

Dieser verschachtelte, offensichtlich auch syntaktisch nicht einwandfreie Passus enthält Äußerungen, die ich für höchst bedenklich halte, zumal diese Verbindung mit ihrer Liebe zur Demokratie ganz offensichtlich um Mitglieder wirbt. Was steht dort? Erst einmal liest sich das nett: Das VDSt-Mitglied solle sich für Menschenrechte und den Minderheitenschutz einsetzen. Klingt an sich gut und unbedenklich, wenn da nicht diese krude Hinzusetzung wäre: “die Rechte ethnischer Minderheiten [...] auf eigenständige Sprache und Kultur” gelten für den VDSt “in ihrer angestammten Heimat“. Was bedeutet das? Ethnische Minderheiten hätten demnach also dort ein Recht auf ihre eigene Sprache und Kultur, wo sie “angestammt” wären: Die Türken in der Türkei, die Rumänen in Rumänien, die Briten im Vereinigten Königreich. Nur dort?

Ich muss zugeben, aus diesem Satz lässt sich dies nicht expressis verbis herauslesen, doch allein die Erwähnung, die verschachtelte Einfügung, deutet für mich darauf hin, dass man als Mitglied der Verbindung in Deutschland eben nicht für die Rechte dieser Minderheiten eintreten solle. Wie lässt sich diese Einstellung mit dem Eintreten “für die demokratische Grundordnung, für Recht und Freiheit in allen Bereichen des staatlichen, politischen und gesellschaftlichen Leben” (Zitat von der angegeben Seite) verbinden? Eben so: Auch hier sind nur das Recht und die Freiheit “unseres Volkes” gemeint. Wer mit solchen Prinzipien wirbt, der stimmt meines Erachtens nicht für die Demokratie, sondern für die Diktatur der Mehrheit.

Ich setze eine gewisse Unschuldsvermutung voraus und möchte keinen direkten Vergleich mit dem folgenden Zitat ziehen. Ich möchte aber darauf hinweisen, wie gefährlich nahe all diese Stellen auf den Seiten des VDSt zu den Überzeugungen einer vom Verfassungsschutz beobachteten Parteiung namens NPD stehen. Ich zitiere aus der Seite “Oft gefragt” auf deren Homepage, wo es um die Frage nach der Ausländerfeindlichkeit geht. Auf eine Verlinkung zur Quelle verzichte ich, um nicht für noch mehr Klicks auf deren Seite zu sorgen, oder irgendwann Gefahr zu laufen, auf die Seiten einer verbotenen Organisation zu verlinken (wer weiß, was in Zukunft geschieht):

Wir sind in allererster Linie eine inländerfreundliche Partei. Deutschland hat das Land der Deutschen zu bleiben, weshalb wir vor allem einwanderungsfeindlich sind. Gegen Nichtdeutsche in ihren Heimatländern hat hingegen keiner von uns etwas.

[Quelle: Internetseiten der NPD unter "Oft gefragt"]

Wer sich als Student für Verbindungen interessiert – gegen konservative, christliche, ja sogar klischeehaft deutschtümelnde ist ja schließlich nichts einzuwenden – der sollte sich schon eingehend mit deren Überzeugungen und Zielen auseinandersetzen und sich im Zweifel bewusst sein, durch eine solche Zugehörigkeit in eine Schublade gesteckt zu werden, in der sie oder er mit unangenehmen Zeitgenossen gleichgesetzt wird.

3 Kommentare

  1. Philipp sagt:

    Lieber Marcus, leider hast du den zwar sehr komplizierten, doch syntaktisch richtigen Satz falsch verstanden. Ich bin traurig darüber, dass du reflexartig allein das Negative siehst und nicht in Erwägung ziehst die gemeinte Aussage schlicht falsch verstanden zu haben.
    Vergleicht man beide Zitate fällt sofort auf, wie wenig Mühe man sich bei der NPD macht den Begriff “Deutscher” und Gesellschaft zu definieren. Wenn du den Satz richtig gelesen hättest, wäre dir aufgefallen, dass sich die “angestammte Heimat” auf den Wohnort der “ethnischen Minderheit” bezieht, also sie sind in ihrer eigenen Heimat eine Minderheit und sollten dennoch eigene Rechte dort haben.
    Daneben wird klar gesagt, dass diese Minderheiten Teile “unseres Volkes” sind, also dazu gehören und nichts mit Türkei, Russland et cetera zu tun haben. Ganz im Gegenteil wünscht man sich eine multikulturelle Heimat.
    Nächstes Mal bitte vorsichtiger sein, da du mit deinen Äußerungen Menschen sehr verletzen und verumglimpfen könntest.

    ps: übrigens heißt es “Verein” und nicht “Verbindung deutscher Studenten”

  2. Hi Philipp (kennen wir uns?),

    auf ein paar Dinge können wir uns einigen: Es heißt “Verein”, nicht “Verbindung” [auch wenn der Verein qua definitione eine Verbindung ist] und die Syntax des angegebenen Passus ist korrekt. Soweit die Fakten.

    Was die Auslegung dieses Passus angeht, muss ich Dir widersprechen. Die Interpretation eines Textes kann rein subjektiv weder richtig noch falsch erfolgen. Ich will hier keinen sprachwissenschaftlichen Diskurs lostreten, aber auch Dein Kommentar beinhaltet Interpretationen meines Textes, die in meinen Augen abseits der eigentlichen Intention liegen und ich gehe trotzdem davon aus, dass Du ihn “richtig” gelesen hast. Kurzum und wertneutral gesprochen: Deine Interpretation des Passus weicht von meiner ab. Gut, dann können wir anfangen zu diskutieren.

    Meine anfängliche Skepsis bezog sich auf die unsinnig verschachtelte Struktur. So, wie Du den Text liest, könnte dort auch Folgendes stehen: “… für den Dialog mit ethnischen Minderheiten und für deren Recht auf kulturelle Identität.” – fertig. Jetzt steht da aber dieses Ungetüm von Satz, in den zahlreiche Begriffe eingebaut werden, die Missverständnisse, wenn auch nicht beabsichtigt, geradezu provozieren.

    Du schreibst, der Wohnort der Minderheit beschreibt die “angestammte Heimat”. Das hieße, die “angestammte Heimat” der Familie Yüce aus Köln wäre eben Köln. Das lässt sich aber meines Erachtens nach nicht mit dem Begriff “angestammt” vereinbaren, der konnotativ einen Ort in der Türkei beschreiben müsste. Oder geht es nur um tatsächlich angestammte Minderheiten in Deutschland, wie die Sorben? Dann könnte man sich den neutralen Begriff “Minderheit” sparen und gleich die wenigen angestammten Minderheiten in Deutschland aufzählen [das sind vielleicht eine Handvoll]. Oder werden dazu auch andere angestammte Minderheiten in anderen Ländern, wie z.B. die Kurden in der Türkei gezählt? Die Verschachtelung und auch Deine Auslegung machen in diesem Fall Sinn, aber meine Interpretation behält für mich Gültigkeit: Denn dann dient die Verzwirbelung dem Ausschluss von eben nicht angestammten Minderheiten in den jeweiligen Ländern – und das riecht wieder gewaltig nach rechts-außen und nahezu muffig-braun.

    Wo dagegen “klar gesagt” wird, dass diese angestammten Minderheiten Teil des deutschen Volkes sind, ist mir absolut schleierhaft. Meinst Du, das impliziert die “Verbundenheit mit allen Angehörigen unseres Volkes”? Ich kann mich verbunden fühlen zu einer Gruppe, aber das macht mich noch lange nicht zu dessen Mitglied.

    Insofern müsste ich nur ein Detail meiner ursprünglichen Betrachtung korrigieren. Statt:

    “Ethnische Minderheiten hätten demnach also dort ein Recht auf ihre eigene Sprache und Kultur, wo sie ‘angestammt’ wären: Die Türken in der Türkei, die Rumänen in Rumänien, die Briten im Vereinigten Königreich.”,

    müsste es heißen:

    “Ethnische Minderheiten hätten demnach also dort ein Recht auf ihre eigene Sprache und Kultur, wo sie ‘angestammt’ wären: Die Kurden in der Türkei, die Roma in Rumänien, die Waliser im Vereinigten Königreich.”

    Und dann kommt gleich meine Nachfrage: Was ist mit den Türken in Deutschland? Was ist mit den Indern im UK? Wer Minderheiten einen exklusiven Status vor anderen gibt, der gibt vielleicht vor, ein Demokrat zu sein, ist letztlich aber ein Heuchler. War das nun wieder verletzend? Mea culpa!

  3. Philipp sagt:

    Hallo Marcus,
    habe erst jetzt deine Reaktion gelesen. Mir ist erst im Nachhinein aufgefallen, dass dein Eintrag schon etwas länger zurück liegt – von daher freue ich mich, dass du dennoch geantwortet hast.

    Du hast eindeutig recht mit der Feststellung, dass der Satz schwurbelig und leicht missverständlich ist. Ähnliches wirst du aber in jeder Vereinssatzung finden, die ja kein Programm, sondern in erster Linie ein juristisches Dokument darstellt. Die Interpretaion eines Textes kann juristisch sehr wohl in richtig und falsch unterschieden werden. Subjektive Eindrücke haben bei in Bezug auf ein rechtliches Dokument aber nur wenig zu tun.

    Im Wesentlichen hast du ja die Befürchtung eines völkischen Verständnisses, basierend auf dem ius sanguinis. Diese Rechtsauffassung wurde übrigens erst im Jahr 2000 ergänzt durch das ius soli. Die Ansicht “Zugehörigkeit durch Abstammung” ist also nachwievor Grundlage des Staatsbürgerverständnisses der BRD.

    Persönlich trenne ich hingegen scharf zwischen den unterschiedlichen Definitionen, ganz nach der Sichtweise der Ethnizitätstheorie, wonach die Gruppenzugehörigkeit auf interessengeleiteter Selbstzuschreibung basiert. Sprich: die “Türken” in Deutschland (gleich welchen Pass sie haben) sind nur deshalb eine Minderheit, weil sie sich selbst, aber auch die Mehrheitsgesellschaft, dazu machen. Minderheiten verschiedener Länder sind daher nur schwer miteinander zu vergleichen, da die verbindenden Elemente (z.B. Sprache, Religion, Kultur) sehr verschieden sein können.

    Der Knachkpunkt an deiner Kritik steckt im Wort “angestammt”. Je nach Definition kann dieser verstanden werden, dass eine Minderheit zu dieser wird, wenn sie ihren Wohnort als Heimat ansieht, oder aber, dass der Minderheitenstatus erst offiziell genehmigt werden muss. Der (offizielle)Staat – treu seiner Staatsbürgerauffassung – fördert nun in besonderem Maße Minderheiten, die seit längerer Zeit und lokal begrenzt innerhalb seiner Grenzen wohnen und die sich gleichzeitig selbst als Minderheit begreifen. Der VDSt tritt nun dafür ein, dass auch in anderen Ländern derartige Minderheiten besonders geschützt werden.
    Dein Beispiel der “Türken” fällt aus dieser Sicht hingegen völlig raus, v.a. da es KEINE einheitliche Gruppe ist, sondern ganz im Gegenteil äußerst heterogen. Einzig verbindender Faktor ist eine gemeinsame Herkunft. Ethnische, sprachliche, kulturelle, religiöse Faktoren sind hingegen verschieden. Die “Türken” sind somit KEINE ethnische Minderheit, sondern verschiedene soziale und religiöse Schichten. Auch der Phänotyp hat damit zu tun. Kultur hingegen wenig bis nichts.
    Aus der Praxis weiß ich nun, dass der VDSt sowohl das ius sanguinis, wie auch das ius soli, akzeptiert und für eine Integration ethnischer Gruppen eintritt. Assimilation oder Selbstausgrenzung werden abgelehnt. Ziel bleibt die Schaffung einer gemeinsamen und nicht einheitlichen Gesellschaft.

    Beste Grüße,
    Philipp

    ps: die Begriffe Verbindung und Verein sind meiner Ansicht nach letztenendes inhaltsgleich; auch Mitglieder eines Sportvereins werden durch den gemeinsamen Sport miteinander verbunden

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