Filmreview: Inception

Das Problem der Erkenntnis ist ein in der Philosophie sehr ausgiebig betrachtetes. Zum Erkenntnis gehört auch die Frage nach der Gestalt Wirklichkeit: Wie ist sie durch unsere Wahrnehmung bestimmt? Im Film “Inception” von Regisseur, Produzent und Drehbuchschreiber Christopher Nolan wird diese Problematik um eine Dimension erweitert: Ist die Realität ein bloßer Traum?

(Achtung, Spoiler)

Ein Gedanke wächst wie ein Virus

Nolans Film offenbart eine ähnliche interpretatorische Tiefe wie “The Matrix” – und auch dort spielte die Erkenntnisproblematik die Hauptrolle. In “Inception” operiert der Industriespion Cobb mit Hilfe seines Partners Arthur nicht in Büros und Fabriken, sondern in den Träumen seiner Opfer. Sie sind sogenannte Extractor, die sich mit Hilfe einer Militärerfindung Zugang zum Traum einer anderen Person verschaffen und innerhalb dieses Traumes luzid, d.h. willentlich, agieren können, wobei ein weiterer Mitträumer als Traum-Architekt fungiert.

Als die Extractor es nicht schaffen, aus dem Traum des vorgewarnten japanischen Geschäftsmannes Saito Informationen zu besorgen, läd dieser sie überraschend dazu ein, für ihn zu arbeiten. Seinem Angebot, Cobb die erneute Einreise in sein Heimatland, die USA, zu ermöglichen – dort wird er für den vermeintlichen Mord an seiner Ehefrau Mal gesucht – stellt er eine schwierige Aufgabe entgegen. Die Extractor sollen bei Robert Fischer, einem Konkurrenten Saitos, eine Inception versuchen, d.h. keinen vorhandenen Gedanken stehlen, sondern einen neuen einfügen: Löse den Konzern deines verstorbenen Vaters auf!

Fünf Helfer, ein Individuum

Cobb organisiert den Auftrag, indem er zunächst mit der jungen Ariadne eine neue Architektin findet, danach mit dem Fälscher Eames und dem Chemiker Yusuf weitere nötige Helfer: Eames soll im Traum einen Verwandten des Opfers mimen und Yusuf die nötige Substanz mischen. Cobbs Kompagnon Arthur scheint zwar vom positiven Ausgang der Unternehmung nicht soderlich überzeugt, ist aber auch mit von der Partie. Ariadne wird im Verlauf Cobbs wichtigstes Crew-Mitglied, da sie nicht nur ihrer Aufgabe als Architektin des Traums für Fischer nachkommt, sondern sich auch um Cobbs verkorkstes Seelenleben, besser gesagt, die tragische Geschichte um den Verlust seiner Frau Mal, die Flucht aus den USA, bei der Cobb auch seine Kinder zurückließ, kümmert.

Das Team, dem sich schließlich auch selbst Saito anschließt, stellt Fischer eine Falle, indem Saito die Airline des Flugzeugs, das jener nach Amerika nehmen will, kurzerhand aufkauft und so sicherstellt, dass neben dem Milliardenerben nur Cobbs Truppe in der ersten Klasse sitzt. Doch im Traum zeigen sich erste Hindernisse: Fischer wurde von einem anderen Extractor geschult und besitzt so Abwehrkräfte in seinem Unterbewusstsein, die sich in einem durch die Straßen brausenden Güterzug und Spezialkräften mit Sturmgewehren manifestieren.

Träum’ ich oder wach’ ich?

Während das Team in angespannter Arbeit, zwischen bewaffneter Auseinandersetzung und mehr oder weniger subtiler Manipulierung ihres Opfers, auf verschiedenen Traumebenen – denn auch im Traum kann wiederum geträumt werden, und dabei potenziert sich die im Traum verbrachte Zeit! – zum Ziel zu gelangen versucht, nimmt auch der innere Konflikt Cobbs weitere Gestalt an, die darin eskaliert, dass seine von ihm als Traumgestalt aufrecht gehaltene Frau kurz vor der Öffnung des Tresors Fischer erschießt und ihn damit in den Limbus wirft, einen Ort in den tiefsten Ebenen des Bewusstseins, aus dem es kaum einen Ausweg gibt.

Um Fischer zurückzuholen, begeben sich Cobb und Ariadne in die vierte Traumebene – Cobbs Traum. Hier zeigt sich eine riesige Stadt, voller Ruinen von Hochhäusern und weiten verlassenen Plätzen. Cobb erklärt Ariadne, dass er diese Landschaft mit Mal in vielen Jahren gemeinsamer Arbeit geschaffen hatte, als die beiden in ihrer Traumwelt festsaßen. Mal hatte schließlich diese Welt als die Realität akzeptiert und so musste Cobb sie mittels einer Inception davon überzeugen, dass ihre Welt nicht real sei. Was er dabei nicht berücksichtigt hatte: Auch in der vermeintlich realen Welt, in die sie aufwachten, sah Mal eine falsche und wollte den sich weigernden Cobb dazu zwingen, sich ihrem erneuten Freitod anzuschließen.

Alles nur ein Traum(?)

Es kommt zur finalen Konfrontation zwischen Cobb und Mal, bei der dieser nicht von ihr loslassen kann und Ariadne sie schlussendlich erschießt. Während sie sich und Fischer in die nächsthöhere Traumebene durch einen Kick (eben die bewusste Tötung in diesem Traum) bringt, will Cobb bleiben, um den ebenfalls im Limbus befindlichen Saito zu suchen, der schließlich seine einzige Möglichkeit darstellt, in seine Heimat zurückzukehren. An dieser Stelle endet die lange Rückblende, die am Anfang des Films begann: Cobb und der sichtlich gealterte Saito sitzen sich in dessen Anwesen gegenüber und Saito begreift, dass er sich in einem Traum befindet.

Als Saito zur Waffe greift, wacht Cobb im Flugzeug auf. Alle anderen sind bereits erwacht und lächeln zufrieden. Dem ebenfalls erwachten Fischer ist an seiner Mimik abzulesen, dass die Inception gewirkt hat. Der nachdenkliche Saito tätigt sein Telefongespräch und bei der Ankunft in Amerika wird Cobb durch die Kontrolle gelassen. Er betritt sein Haus und bevor er auf seine Kinder zuläuft, die ihm nun ihre Gesichter zuwenden, dreht er noch einmal den Kreisel, sein Totem, der ihm anzeigt, ob er sich im Traum oder in der Realität befindet. Sollte der Kreisel nicht fallen, befindet er sich weiterhin in einem Traum – doch kurz nachdem eine kleine Unregelmäßigkeit in der Bewegung des Kreisels zu sehen ist, wird der Bildschirm schwarz: Ende!

Eine fantastische Geschichte als Action-Spektakel inszeniert

Inception gehört zu den originellsten Blockbustern der letzten Jahre. Nolan liefert eine Geschichte, die sich nicht selbst erklärt und nicht selbst erklären muss – beides Merkmale von schwachen Drehbüchern, wie zum Beispiel der Matrix-Nachfolger. Keine technologischen Details belasten den Plot, so wird das Gerät, das zum Infiltrieren der Träume benutzt wird, nie mit überflüssigem Technobabbel beschrieben; keine klischeehaften Romanzen, keine ausufernden Dialoge haften ihm an – das ist Nolans Erzähltalent zuzuschreiben: Seine Geschichte erzählt sich selbst, mit ihren schnellen Wendungen, den atemberaubenden Action-Szenen, die an James Bond erinnern, mit der Spannung zwischen Cobb, Mal und Ariadne (man beachte die Rolle der mythischen Gestalt), die scheinbar als Konfliktlöserin dient.

Diese Geschichte läd zu einer ausgiebigen Diskussion, zu mannigfaltigen Interpretationen ein. Da mag die taz noch so sehr bekritteln, dass nicht mehr spektakuläre Effekte zur Schau gestellt wurden: Diese waren im Grunde nur für den Trailer gedacht, um ein visuell verwöhntes Publikum in die Kinos zu locken. Der Fokus lag eindeutig auf dem Fortgang der Handlung und der Entwicklung der entscheidenden Frage an dem Film: Traum oder Wirklichkeit? Alles andere sind gute, aber kurzlebige Extras. Ich empfehle jedem, der den Film noch nicht gesehen hat, ihn unbedingt anzuschauen – auch wenn er nun schon über den Ausgang informiert ist: Die puren Eckdaten der Handlung spiegeln nicht ihre Dynamik, ihre narrative Brillianz wieder. Daher: Gucken, gucken, gucken! Und träumen. Gut träumen.

6 Kommentare

  1. Sehr schönes Review! Soweit das der richtige Begriff ist? Sollte man nicht lesen, wenn man den Film noch nicht gesehen hat.

    Zwei Details sind mir noch aufgefallen:

    Beim Güterzug wurde später klar, das den Cobb selbst “mitgebracht” hat: Ariadne erwähnt, das Cobb hat ja wohl ein paar Probleme hat, wenn plötzlich ein Güterzug auftaucht. Außerdem wird später klar, welche Rolle der spielt – Köpfe auf der Schiene…

    Im letzten Abschnitt wacht Cobb eigentlich nicht auf – er, wie auch alle anderen sind wach zu sehen, man bekommt kein Aufwachen mit. Das verstärke bei mir ungemein den Eindruck, das er immer noch träumt, was im letzten Moment widerlegt wird, aber dann doch offen bleibt…

  2. Klar enthält der Text Spoiler, ich warne ja auch davor (s.o.) – es ist schließlich ein Re-view, kein Pre-view. ;-)

    Die Sache mit dem Güterzug ist interessant, das habe ich nicht herausgehört. Wird dies tatsächlich erwähnt oder ist das Deine Interpretation? Macht natürlich, wenn man den weiteren Verlauf kennt, Sinn.

    Was die letzte Sequenz im Flugzeug angeht, bin ich mir ziemlich sicher, dass man sieht, wie Cobb die Augen öffnet. Alle weiteren Ereignisse deute ich genau anders herum wie Du. Dass er seine Kinder in der exakt gleichen Pose wie in seinen Träumen zuhause auffindet, scheint doch wenig realistisch. Aber hört man den Kreisel nicht doch fallen, nachdem das Bild schon schwarz ist? ;-)

  3. Den Güterzug erwähnt sie explizit, das war recht eindeutig.

    Ich kann mich an kein Augen-öffnen erinnern, muss ich wohl nochmal schauen. Interessant ist aber auch, dass alle anderen den Kick zurück zum ersten Level bekommen und von dort wahracheinlich durch die Flugzeuglandung geweckt werden. Cobb hingegen dürfte all das verpassen. Es bleibt unklar, wie er dem Limbus entkommen will. Oder wurde das irgendwo erwähnt?

  4. Nein, es ist nur klar, dass er länger als alle anderen braucht, um wieder zurückzukehren, wie im übrigen auch Saito. Dessen Reaktion im Flugzeug deutet ja auch auf das Erlebte hin.

    Jedenfalls wird man mit den Inhalten des Films weder die eine These noch die andere beweisen können. Und das macht’s ja gerade so spannend. :-)

  5. Tomasz sagt:

    Schönes Review. Ich finde die Möglichkeit einen Film vielfältig zu deuten macht neben der nötigen narrativen Stärke einen guten Film aus. Der Film hat seine Wirkung erzielt, wenn man sich später noch intensiv mit ihm auseinandersetzt und sich in Überlegungen zur Bedeutung vertieft.
    Interessant ist, dass Nolan die Idee seit Jahren hatte, aber nicht die Mittel für eine Umsetzung. Nachdem aber mit “The Dark Knight” mehr als eine Milliarde Dollar Umsatz generiert wurde, hatte er von Seiten des Studios freie Hand, so dass er sich auch an ein für das Mainstream-Publikum eher gewagtes Projekt machen konnte und nicht eingeschränkt war in der visuellen Gestaltung.

  6. Malde sagt:

    hey ihr da draußen :P

    ich war gestern das zweite mal in dem Film und hab extra nochmal geschaut :)

    das mit dem erwähnen des Zuges stimmt, Ariadne war die Einzige die gemerkt hat, dass er von Cobb kam!

    was das Ende betrifft, wie alle im Flugzeug aufwachen ist eigentlich recht simpel. Könnt ihr euch noch dran erinnern als Ariadne und Cobb die erste Testphase hatten, ihnen wurde in Echtzeit 5 Minuten gegeben, im Traum war es jedoch knapp eine Stunde ?!

    und so wachen alle auch im Flugzeug wieder auf – 10 Stunden Flugzeit wurde ihnen gegeben und die ganz normale Zeit der ersten Ebene ist abgelaufen, so dass alle ganz normal wieder aufwachen und nicht erst geweckt werden müssen ;)

    hab ich aber auch erst gestern nach dem zweiten mal sehen gemerkt ;)

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