Gentle Giant – eine Diskographie in Phasen

Gentle Giant

Gentle Giant in der klassischen Besetzung

Gentle Giant gehören zu den herausragenden Rockbands der 70er. Ihre Musik war originell und einfallsreich, komplex und doch hörbar, klug und doch intuitiv erfassbar. Ihre Live-Auftritte blieben den Zeitgenossen unvergessen, so spielfreudig und gewitzt zeigten sie sich auf der Bühne. Selbst in ihrer Sparte, dem Progressive Rock, werden sie jedoch bis heute meist nur in der zweiten Reihe genannt, hinter anderen Größen wie King Crimson, Yes,  Genesis oder Emerson, Lake & Palmer. Das mag vielleicht daran liegen, dass sich die Gruppe stets unauffällig präsentierte und kein Bohei um sich förderte, wohingegen King Crimson ob der intellektuellen Unnahbarkeit, Genesis ob der dramatischen Bühnenshow, Yes ob ihres Spiritualismus  und insbesondere ELP mit ihrem Star-Kult ganz andere Wege gingen. Wenn Gentle Giant also nicht wegen ihrer Musik, sondern der fehlenden Aufmerksamkeit nicht zur ersten Garde des Progressive Rock gezählt werden, dann ist das schade und wird dem Schaffen der Briten kaum gerecht.

Ich habe den folgenden Aufsatz in einem Gruppenforum auf last.fm geschrieben und da ihn dort viele Mitglieder für hilfreich erachteten, dachte ich mir, dass ich ihn aus dem Englischen ins Deutsche übersetze und mit ein paar Anmerkungen auch für die Leserschaft dieses Blogs aufbereiten könnte. Ziel der kurzen Aufstellung war es, die Diskographie von Gentle Giant in Phasen aufzuteilen und so einen kleinen Wegweiser für Einsteiger und möglicherweise auch Fortgeschrittene zu liefern, die bereits in den Gentle-Giant-Kosmos eingestiegen sind und sich fragen, welche Investition als Nächstes lohnt. Dabei war mir das Internetportal der Babyblauen Seiten besonders hilfreich. Für den Prog-Fan sollten diese Seiten ohnehin obligatorisch sein.

1. Die frühe Phase

Gentle Giant (1970)

Gentle Giant '70

Acquiring The Taste (1971)

Acquiring The Taste '71

Auf den beiden ersten Alben wirkt der Sound noch sehr roh und die einzelnen Stücke zeigen mitunter keinen Zusammenhang. Man hört, dass die Band nach ihrem Sound sucht und sie experimentiert noch in Richtungen, die sie später nicht weiter verfolgen wird. Gerade auf dem ersten Album befinden sich Rocknummern, die in Relation zu späteren Machwerken in der Qualität deutlich abfallen . Trotzdem haben beide Alben einen enormen Charme, den gerade dieses Unfertige ausmacht. Ich würde sie nicht für den Einsteiger empfehlen. Aber nachdem man sich durch die Phasen 2 und 3 gehört hat, geben diese Alben einen guten Einblick in die Selbstfindungsphase. Ich habe sie mit den “Special Editions” verlinkt, die der ehemalige Grobschnitt-Schlagzeuger Eroc Mitte der 2000er neu abgemischt hat. Der Sound ist einfach genial und ist früheren CD-Versionen um Längen überlegen. Die 10 Euro Aufpreis lohnen sich also.

2. Die fast-schon-filigrane Phase

Three Friends (1972)

Three Friends '72

Octopus (1972)

Octopus '72

Der Name mag zunächst komisch klingen (es ist auch eine schwierige Adaption des noch kryptischeren “pre sophisticated phase”, das ich im Englischen hierfür verwendet habe), doch ich werde es gleich erklären. Beide Alben, Three Friends und Octopus, erschienen 1972 und gleichen sich doch kaum. Three Friends, das dritte Gentle-Giant-Album erscheint wie eine stämmige Mixtur aus Hard Rock und Progressive Rock, die hin und wieder auch zum Headbanging einlädt und eine komptakte, filigrane (da haben wir das Wort) Zusammenfassung der beiden ersten Alben bildet. Der Sound ist roh (auch hier empfehle ich die Remaster-Version von Eroc!)  und irgendwie industriell. Ganz anders mutet da Octopus an! Dieses Album wird für die kommenden den Ton angeben und viele Details, die der Hörer üblicherweise mit Gentle Giant verbindet, finden sich hier bereits voll ausgeprägt: Mittelalter/Renaissance-Ambiente, schräge Harmonien und natürlich die polyphonen Gesangsstimmen. Octopus bleibt dabei erstaunlich hörbar und bietet einen Ohrwurm nach dem Anderen. Es sei daher als Einstiegsplatte durchaus empfohlen. Auch hier ist die Remaster-Version von Eroc ein Muss!

3. Die filigrane Phase

In A Glass House (1973)

In A Glass House '73

The Power And The Glory (1974)

The Power And The Glory '74

Free Hand '75

Free Hand '75

Höhepunkt des Schaffens der Briten bilden aber diese drei Alben, die auch auf dem Höhepunkt der Progressive-Rock-Welle allgmein erschienen sind. Das liegt natürlich auch daran, dass sich endlich ein stabiles Line-Up etabliert hatte. Es ist schwierig, einen Favoriten aus diesen Dreien zu benennen, mir gefällt grundsätzlich das Album am besten, das ich gerade höre. Dabei schafft sich jedes Album sein eigenes Ambiente und seine eigene Stimmung. Musikalisch präsentieren Gentle Giant einen unglaublich ausgefeilten Rock, der durch seine unkonventionellen Melodien und die mehrstimmigen Passagen brilliert.

Nach Octopus und Three Friends sollten also unbedingt diese drei Alben auf dem Programm stehen. Wer nicht so viel Geld ausgeben möchte und nur ein Album (vielleicht zum Angeben vor Freunden) besitzen möchte, der wähle sich unter diesen Dreien eines aus. Der Sound liegt hier irgendwo zwischen Octopus und Three Friends, wie eine Synthese aus Moderne und Mittelalter – ziemlich zeitlos. Ich wollte hier die 2005er Remasters aus der 35th Anniversary Edition empfehlen, aber beim Stöbern auf amazon.de fiel mir auf, dass sich drei neue Remasters auf dem Markt befinden, die ich nicht kenne. Wenn hier jemand Erfahrungen gemacht hat, bitte ich um Mitteilung (das Kommentarfeld ist weiter unten :-) )!

4. Die späte Phase

Interview '76

Interview '76

The Missing Piece '77

The Missing Piece '77

Wir kommen nun zu Alben, die ich weniger gehört habe, ich werde mich also nicht auf das Glatteis begeben, mich tiefergehend zu Inhalten und Qualität zu äußern. Interview dürfte von vielen Hörern, sofern sie mein Schema benutzen, auch in die filigrane Phase eingeordnet werden. Mir erschien es beim Hören jedoch ein klein wenig unterhalb der Schwelle, sodass ich es zusammen mit The Missing Piece von 1977 – zu einer Zeit, als der Progressive Rock schon out-of-date war – in eine, allerdings immer noch von diesem Stil geprägte, Spätphase einordnen möchte. Mit letzterem Album scheinen sich Gentle Giant schon von einigen Ansprüchen getrennt zu haben, um noch einmal eine etwas größere Hörerschaft zu bekommen. Damit reihen sie sich wiederum in einen allgemeinen Prozess ein, denn auch Gruppen wie Genesis oder ELP bemühten sich zu dieser Zeit, ihre Songstrukturen nicht mehr ausufern zu lassen. Das kann man schade finden oder wiederum nicht. Interview und The Missing Piece ergänzen eine vorhandene Sammlung genauso gut wie die Alben der ersten Phase.

5. Die Pop-Phase

Giant For A Day '78

Giant For A Day '78

Civilian '80

Civilian '80

Als reine Ergänzung zu einer vorhandenen Sammlung, aber auch wirklich nur als Komplettierungsgrund, mögen diese beiden Nachzügler dienen. Beide Alben habe ich insgesamt nur ein- oder zweimal gehört, wobei Giant For A Day nicht ganz so belanglos wie Civilian erscheint. Vielleicht stimmt es ja, dass Gentle Giant auch ins Pop-Geschäft einsteigen wollten. Vielleicht war aber auch nur die Luft nach vielen fantastischen und einzigarten Alben heraus – wer wollte es ihnen verübeln? Für Civilian scheint es keine remasterte CD-Pressung zu geben, daher verlinke ich auf ein Doppelalbum mit Playing The Fool (s.u.). Giant For A Day ist aber auch 2010 als Remaster-Version erschienen. Wie in den vorherigen Fällen gilt: Wer etwas genaueres weiß, melde sich bitte zu Wort! Das großartige Werk der Briten sollte mit The Missing Piece als abgeschlossen betrachtet werden. Aber Halt!

6. Live, Live, Live!

Playing The Fool '77

Playing The Fool '77

Giant On The Box '04

Giant On The Box '04

Ich habe mich um eine Einteilung des Studiowerks der Gruppe gekümmert, aber Gentle Giant darf einfach nicht ohne ihre überrangende Bühnenperformance erwähnt bleiben. Wer sofort angefixt werden möchte, der besorge sich eine der größten Live-Alben dieses Planeten: Playing The Fool! Die Musik sprudelt sogleich ins Ohr, in den Verstand und ins Herz. Großartige Soli wie Gimmicks à la “die ganze Gruppe trommelt sich einen Wolf” lockern die Stücke auf und geben ihr die Portion Pepp und Würze, die vielleicht der ein oder andere Hörer auf den Studioalben vermissen lässt. Mittlerweile sind eine Menge Live-Alben von Gentle Giant erschienen, aber viele kommen über mäßige Bootleg-Qualität nicht hinaus und könnten diese Platte, die auf dem Höhepunkt des gentle-giantschen Schaffens entstanden ist, nicht toppen. Wer darüber hinaus noch die passenden visuellen Eindrücke vorgesetzt bekommen möchte, dem empfehle ich die DVD Giant On The Box, die ein vom ZDF(!) aufgezeichnetes Konzert der Gruppe zeigt und der Qualität von Playing The Fool ziemlich nahe kommt.

So, das war’s! Ich hoffe, ich konnte dem Neuling wie dem (vielleicht nicht ganz so) alten Hasen ein paar hilfreiche Tipps geben. Kommentare und Anregungen sind mir sehr willkommen, schließlich wird es so sein, dass einige Liebhaber der Gruppe eine ganz andere Aufteilung vornehmen würden oder für den Einstieg ein anderes Album empfehlen.

Einen Kommentar schreiben