Audiophilie für kleinere Budgets

Mein Plattenspieler

Bis vor zwei Jahren habe ich Musik hauptsächlich über den Computer gehört. Ich bin kein großer Fan von mp3, ogg und co., aber zum Abspielen von CDs eignet sich der PC ganz gut – um in eine separate Anlage zu investieren, fehlte bislang das Geld.

Die Situation hat sich dadurch geändert, dass ich die Schallplattensammlung meines Vaters geschenkt bekam. Die Passen in den PC nicht rein, jeder Versuch würde in Tränen enden. Mittelfristig konnte ich das Problem über eine gleichzeitig bekommene Kompaktanlage, deren Plattenspieler aber von vornherein nur mediokere Ergebnisse lieferte und deren Taktgeber im Plattenteller schnell den Geist aufgab. Trotzdem hatte ich Spaß mit den Platten, weil sie mich einerseits an meine Kindheit erinnerten und andererseits das Gefühl für analoge Medien abseits eines nostalgischen Interesses entfachten.

Ok, an dieser Stelle trifft man auf zwei Meinungen. Meinung 1: Analoge Medien sind den digitalen überlegen und die Platte ist das audiophilste Medium. Meinung 2: Platten sind höchstens noch für Sammler interessant, die Zukunft gehört dagegen den digitalen Formaten. Wie so oft liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen. Ich denke, dass die Platte bleiben und die CD überdauern wird. Langfristig wird es ein nebenher zwischen den populäreren digitalen (lossless) Formaten und der LP als Liebhabermedium geben.

Ich, der ich Liebhaber bin – oder gern einer wäre, brauchte also ein Gerät, mit dem ich aus meinen Platten den optimalen Klanggenuss herauskitzeln konnte. Ich ging mit ziemlich naiven Vorstellungen in einen HiFi-Laden in Bonn, der in einer Gründerzeit-Villa untergebracht war und auf luxuriös ausgestattete Vorführräume setzte. Ein Zitat von Neal Morse kam mir in den Kopf: “I never felt so out of place in all my life” – entweder man würde mich hier knallhart über den Tisch ziehen oder aufgrund meines verlotterten Studentenaussehens gleich wieder aus dem Laden werfen. Zumindest Letzteres war nicht der Fall. Stattdessen stellte sich durch die individuelle Beratung schnell heraus, dass ich ein gutes Gerät haben wollte und keinen billigen Krempel, der wiederum schlechte Qualität liefern würde. Ok, nun wollten sie mir wohl etwas aufschwatzen, oder?

Als Einsteigergerät in audiophile Welten empfahl man mir den Pro-Ject Debut III, der mir gleich aufgrund seines schlichten aber geschmackvollen Aussehens gefiel und der im Vorführraum – natürlich über eine entsprechend gute Anlage – einen tollen Sound produzierte. Da der Aufbau des Geräts und das Feintuning der Einstellungen gleich vor Ort vorgenommen wurden und ich es betriebsbereit mit nach hause nehmen konnte, zumal ich gut und intensiv beraten wurde, erscheinen mir die 260€ (statt 230,50€ + Versand auf Amazon.de), die ich letztlich bezahlte, doch als ein guter Preis. Wahrscheinlich hätten sie es auch nicht gewagt, mich über den Tisch zu ziehen – bei meinem Gewicht hätte der schließlich einbrechen können.

Ich war dann aber doch doppelt naiv: Den Plattenspieler wollte ich via CD/AUX-Eingang an die alte Kompaktanlage anschließen, was allerdings in leisem, basslosem Klangbrei aus den Boxen mündete. Die Anleitung öffnete mir die Augen: Ich brauchte einen Verstärker mit Phono-Eingang – aber solch einen hatte ich nicht. Kurzum, da ich schon so viel Geld investiert hatte, wollte ich nicht auch noch einen guten Verstärker zum gleichen Preis holen; ein Trip in das nahegelegene “Gebrauchtwarenkaufhaus Schatzinsel” wurde fällig. Und hier wurde ich prompt fündig: Ein Technics SA-GX100 befand sich als einziger Verstärker in den Regalen und konnte glücklicherweise einen Phono-Eingang aufweisen; für stolze 49,50€ (inkl. Studentenrabatt) hatte ich also das letzte Puzzleteil für meine neue Audioanlage erworben.

Nach der Installation (und weiteren Schwierigkeiten, Dawn wird sich schmerzhaft erinnern) – ich verwendete die Boxen der alten Kompaktanlage – hinterließen erste Tests einen positiven Eindruck. Ich war überrascht, wie klar und deutlich die Musik nun wirkte, kein bisschen muffig oder angestaubt, wie es noch auf der alten Anlage der Fall war. Ich werde nun definitiv mehr Platten kaufen und sicher auch in Zukunft davon berichten.

5 Kommentare

  1. schim sagt:

    Wobei der Audiophile die Boxen sicherlich nicht hinter den Schallplattenspieler und ohne Entkopplung auf die selbe Unterlage stellen würde. ;-)

    Bezüglich digitaler Medien bin ich ähnlicher Meinung wie du. Allerdings könnte die Schallplatte mit dem Sterben der CD auch wieder für den Massenmarkt interessant werden. Man beachte, dass sogar Media Markt wieder ein kleines Sortiment an neu gepressten LPs führt.

    Übrigens kann ich dir noch die Rubrik “The Cheap Thrill” auf dieser Seite empfehlen:

    http://www.vinyl-lebt.de/html/die_waschseiten.html

    Damit lässt sich so mancher Erwerb vom Flohmarkt wieder restaurieren.

  2. Wobei der Audiophile die Boxen sicherlich nicht hinter den Schallplattenspieler und ohne Entkopplung auf die selbe Unterlage stellen würde. ;-)

    Kann da etwas kaputt gehen? Das ist leider auch der einzige Ort, an dem die Anlage immerhin ein bisschen Platz hat.

    Und danke für die Pflegeseiten. Den ein oder anderen Kandidaten hätte ich schon im Visier. ;-)

  3. Daniel sagt:

    Ich vermute schim geht es nicht um “kaputtgehen” sondern um den “Klang”. Du fängst Dir ggf. Rückkopplungen als “Rumpeln” ein.

    Die Plattenspielernadel ist ja ein mechanisches Element, welches über Schwingungen arbeitet, die sie auf der Platte ertastet.

    Die nahe aufgestellten Boxen produzieren weitere Schwingungen am “Gesamtsystem”. D.h. Du bekommst bei dem Setup (auch) von den Boxen und deren mechanischer Bewegung (dann als Schall und Bewegung der Unterlage) Schwingungen “auf die Nadel”.

  4. Ah! Alles klar. Bisher habe ich das Phänomen noch nicht beobachten können, wahrscheinlich auch, weil ich die Platten nie besonders laut höre. Danke auf jeden Fall für den Hinweis!

  5. Dawn Gibbs sagt:

    Das mit dem “mehr Platten kaufen” klingt gut- ab zum Flohmarkt!

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