Norbert Gastell – Eine Lobrede zum 80. Geburtstag
“Hör’s Dir doch im Original an” – der nicht unberechtigte Einwand vieler Filmfreude, wenn es um deutsche Synchronisationen anderssprachiger Formate geht. Gerade bei der Übertragung von Serien kommt den Synchronisationsstudios eine heikle Aufgabe zu: Der Text ganzer Staffeln muss übersetzt werden – und zwar so, dass der Sinn (möglichst auch Wortspiele und Redensarten) verständlich bleibt und die Worte trotzdem noch einigermaßen lippensynchron rüberkommen.
Kurzum, das kann den Textern, erst Recht unter Zeitdruck, nicht immer einwandfrei gelingen. Ich beobachte dies fortwährend in der einzigen Serie, die ich durchgängig verfolge: Die Simpsons. In einer Wiederholung letztens war da zum Beispiel Bart mit einem Schild zu sehen auf dem “I’m missing school!” stand. Dazu kam dann die gesprochene deutsche Übersetzung “Ich vermisse die Schule!” – autsch!
Trotz zahlreicher Fehler in der deutschen Synchronisation höre ich selbst unter vielen eingefleischten Fans der original dubbings wenig Kritik über die Eindeutschung der Simpsons – und selbst wenn, weise ich diese sofort zurück. Der Grund? In der Hauptsache ist er an einer Person festzumachen, Norbert Gastell, der Stimme von Homer Simpson!
Als sich Gastell 1991 gut 61jährig dafür entschied, die Rolle des Homer anzunehmen, war er sich sicher nicht bewusst, welche Tragweite dies für seine gesamte Karriere als Synchronspecher haben würde. 18 Jahre später – und mittlerweile längst über das Alter hinaus, in dem sich normale Menschen für die Pension entscheiden – spricht der nun 80jährige immer noch alle Zeilen für den knapp 40jährigen Kleinstadtbürger und Familienvater ein, zuletzt auch für den Kinofilm. Und das mit Bravour!
Hört man das amerikanische Original, dann fällt zunächst auf, dass Gastell sich nicht an Dan Castellaneta, der Homer Simpson dort spricht, orientiert, sondern seine eigene Interpretation des Charakters abliefert. Dabei gelingt es Gastell, die vielschichtige Figur des Homer, der ja im Grunde fast schon als Metapher für die ganze moderne westliche Zivilisation gelten kann, in all ihrer Tiefe zu durchleuchten: Die Variabilität seiner Stimme lässt Homer mal infantil, mal bierernst, mal zögerlich, mal forsch rüberkommen – dieses Changieren zwischen den Welten gelingt Dan Castellaneta im Original weit weniger überzeugend (oder gar unterhaltend).
Gastells größte Leistung aber ist, dass er aus dem durch und durch amerikanischen Original eine (mit den Worten eines ehemaligen amerikanischen Kriegs… Verteidigungsministers gesprochen) alteuropäische Parodie zaubert, die es jedem deutschen Zuschauer (respektive: -hörer) ermöglicht, die Identifikation sofort herzustellen: Homers Vorurteile, seine Unverständnis für technische Neuerungen, all diese Elemente erscheinen durch Gastells Synchronisation wie altbekannte deutsche Phänomene. Dabei, und das ist die große Kunst, bleibt er doch der Intention Matt Groenings treu und schafft eine transatlantische Brücke, einen Kanal für das Verständnis der amerikanischen Seele, die uns, trotz unserer Zugehörigkeit zu dieser westlichen Welt, doch oft so fremdartig erscheint.
Ich wünsche Norbert Gastell, neben nachträglichen Glückwünschen zum 80. Geburtstag, ein langes Leben und die Kraft und Muße, der Figur des Homer Simpson auch noch für weitere Staffeln diese komplexe Seele einzuhauchen. Als jahrelanger Simpsons-Fan kann ich nur sagen: meinen allerbesten Dank, Herr Gastell!
Weiterführende Links:
- Ein Interview u.a. mit Norbert Gastell über die Arbeiten am Simpsons-Film
- Die Homepage von Peter von Felbert, der das obige Foto von geschossen hat
- Der Artikel, in dem das Foto ursprünglich veröffentlicht wurde

Vielen Dank für diese liebenswerten Geburtstagsgrüsse.ich habe mich sehr gefreut darüber !!!!Danke,euer Homi