Famous first words
Ein guter Anfang ist die Voraussetzung für ein gutes Buch. Bei der Flut von Literatur, Fiktionalem wie Sachbüchern, reichen Titel und Klappentext (und der ganze Rest des sog. Peritextes) nicht aus, um eine Leseempfehlung zu bekommen. Rezensionen (und der ganze Rest des sog. Epitextes [s.o.]) sind sicher hilfreicher, aber auch hier muss man dafür erst Vertrauen zum Kritiker aufgebaut haben. Kurzum: Wer wirklich wissen will, ob er das Buch, das er im Laden in Händen hält, lesen möchte, der muss einen Blick hineinwerfen. Auch Amazon hat dies erkannt und bietet nun bei verschiedenen Büchern eine Reinlese-Funktion an, prima. Und hier setzt obige Theorie an: Wer sich von den ersten Worten eines Buches nicht angesprochen fühlt, der braucht es in der Regel auch nicht weiterzulesen. Die ersten Sätze eines Buches müssen fesselnd und enigmatisch sein, um einen Leser an das Werk zu binden.
Ein guter Anfang leistet aber mehr, als einfach nur ein Appetitanreger zu sein. Er gibt ein Motto, ein Paradigma vor, das dem Leser während seiner Tätigkeit immer wieder im Kopf herumspukt. Im günstigsten Fall öffnet er die Welt des Buches ein zweites Mal, wenn man ihn nach Abschluss noch einmal liest. Während sich die Deutschen wohl schon einmal auf ihre liebsten Anfänge festgelegt haben, möchte ich hier eine Auswahl meiner liebsten Buchbeginne darlegen und schreiben, warum sie mir so am Herzen liegen.
Homer: Ilias
Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus,
Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte [...](Homer, Ilias, Vers 1/2, Übers. v. Johann Heinrich Voss)
Und schon sind wir wieder bei der Weltliteratur. Wer an die frühen Griechen denkt, der denkt vielleicht an Thales, Anaximander, Pythagoras et al. – Philosophen und Gelehrte, die sich in früher wissenschaftlicher Nüchternheit übten. Ganz anders aber dieses Werk, das am Anfang aller (europäischen) Literatur steht. Schon die ersten Worte verraten die Leidenschaft mit welcher der (oder die) Schriftsteller (unter dem Chiffre) Homer ein gewaltiges Epos gedichtet haben. Ohne viel Umschweife kommt Homer gleich zum Kern seines Werkes; selbst die Anrufung der Muse (denn die Rhapsoden behaupteten von sich, dass die Götter durch sie sprächen) nimmt kaum Platz ein. Der Leser weiß sofort: Achill ist der Hauptakteur und von seinem Willen ist das Glück eines ganzen Heeres abhängig. Der Dynamik des Anfangs wird das Werk in seiner Masse nicht immer gerecht (z.B. in den vielen langatmigen und detaillierten Kampfszenen), doch wird der Leser allein durch die anfänglich aufgebaute Spannung zum Weiterlesen animiert.
Franz Kafka: Die Verwandlung
Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.
(Franz Kafka, Die Verwandlung, S.5 Z.1-3)
Kafka war ein Phänomen, soviel ist sicher. Nicht umsonst gibt es in der Germanistik Lehrstühle, die sich fast ausschließlich um sein Werk kümmern. Kafka war auch ein Meister der einleitenden Worte und “Die Verwandlung” zeigt dies in Perfektion. Die ganze Novelle lebt von diesem beginnenden Satz, teilweise hat man den Eindruck, dass Kafka die ganze Geschichte nur auf diesem einen Satz gegründet hat. Und dieser ist einfach genial! Glaubt man kurz, eine gewöhnliche Geschichte beginnen zu sehen, mischt sich das Element des Verstörenden plötzlich ein. Die ganze Situation wird schlagartig ins Surreale verkehrt – und der Leser wird sich eine ganze Weile fragen: “Ist das nun ein böser Traum?”. Mit wenigen Tricks baut Kafka seine für ihn typische beklommene Atmosphäre aus, von dem “ungeheueren Ungeziefer” ist die Rede, jede Spur des Menschlichen ist aus dem anfangs erwarteten gewöhnlichen Mann gewichen – und das bereits im ersten Satz der Geschichte! Wer in den kafkaesken Kosmos noch nicht eingetaucht ist, wird hier einen guten, beängstigenden Einstieg finden.
Stephen King: The Gunslinger
The man in black fled across the desert, and the gunslinger followed.
(Stephen King, The Dark Tower: The Gunslinger S. 11 Z. 1-2)
Die populäre Unterhaltungsliteratur wird von Literaturwissenschaftlern und Kritikern zu oft verkannt. Stephen King, wahrscheinlich der Bestseller-Autor der letzten 40 Jahre und das nicht nur in seinen angestammten Genres Fantasy und Horror, hat sich mit seinem siebenteiligen über 30 Jahre hinweg geschriebenen Epos über den Revolvermann und seinen Zug zum schwarzen Turm ein Denkmal gesetzt. Und dieser Beginn! Laut King waren dies die ersten Zeilen, die er mit seiner ersten Schreibmaschine rein aus der kreativen Laune heraus, abgetippt hatte. Am Ende, d.h. nach besagten sieben Romanen und mehreren tausend Seiten (die anderen Romane Kings, die im gleichen Universum spielen, nicht mitgezählt), ist daraus eine intelligent verquickte Saga geworden, bei der, wie auch in den vorherigen Beispielen gilt: Sie lebt von Ihrem Anfang! Da stehen zunächst einmal mehrere offenen Fragen: Wer ist dieser “man in black”, wer der “gunslinger”? In welcher Beziehung stehen sie zueinander und warum verfolgt der Eine den Anderen? Gegen Ende des Romanes folgt zwar die Gewissheit, aber das Programm des Beginnes zieht sich durch alle anderen Bücher hindurch: Die Getriebenheit des Revolvermannes, der stur einem womöglich längst verlorenen Traum hinterhereilt – und ihn doch nicht erreicht(?).
Hanns-Josef Ortheil – Die große Liebe
Plötzlich das Meer, ganz nah, eine graue, stille, beinahe völlig beruhigte Fläche.
(Hanns-Josef Ortheil, Die große Liebe, S.5 Z.1-2)
An dieser Stelle darf natürlich ein Buch nicht fehlen, das bei mir eine Form von Sinneswandel eingeleitet und mich tief beeindruckt hatte (das kann man auch nachlesen). Es ist die Geschichte Ortheils über einen Journalisten, der einer Midlife-Crisis zuvorkommend, seine große Liebe an der italienischen Küste kennenlernt. Ist es mir unmöglich, dieses Buch so zu beschreiben, dass es für den, der es nicht gelesen hat, nicht furchtbar kitschig und schmalzig erscheint, so offenbart sich die Feinsinnigkeit Ortheils erst dem, der tatsächlich seine Augen auf den Text wirft. Der Beginn dieses Romans – wieder ein symptomatischer – bezieht dabei direkt den Leser ein. Während die geschilderten Worte offenbar der Wahrnehmung eines noch nicht bekannten Ich-Erzählers entsprechen, wird dieser weder erzählerisch noch grammatikalisch erwähnt. Und das bietet dem Leser die Chance, selbst einzutauchen, das Wahrgenommene als die eigene Wahrnehmung zu akzeptieren. Ortheils Geschichte lebt von den lebendigen Bildern, die sie erzeugt, von der Sinnlichkeit und Schönheit. Dies allein drückt dieser phänomenale erste Satz aus und ich bin bis heute gefesselt und nahezu verzückt, wenn ich ihn lese.
So viel zu einigen meiner liebsten Bücherbeginne. Vielleicht fällt dem Leser dieser Zeilen auch ein Buch ein, dessen Anfang er viel zu verdanken hat oder der einen idealen Einstieg in das jeweilige Werk liefern konnte. Ich bin gespannt, was Eure Lieblinge sind!




Yep, the beginning of Die große Liebe is genius, it captures the feeling of the whole book right in the first line.
I like the start of the last unicorn “The unicorn lived in a lilac wood, and she lived all alone”- just the idea that a whole forest of lilac exists somewhere is wonderful..
Ein guter Anfang ist wichtig, keine Frage. Kein Buch wird sich aber zu einem guten Buch entwickeln, wenn die geistige Reife (noch) nicht vorhanden ist. Was habe ich mich bei Goethes Faust in der Schule gelangweilt. Erst viel später erkannte ich den tatsächlichen Wert der Tragödie, beginnend bei zeitgeschichtlichen Aspekten bis hin zur philosophischen Suche nach dem Lebenssinn.
Aber warum sollte es sich hier anders verhalten als in der Musik – zu Schulzeiten konnte ich auch nichts mit Iron Maiden anfangen.
Kafka ist ganz großer Rock’n'Roll, da gehe ich mit dir konform. Bei Kings Geschichten rund um den Dunklen Turm wird mir der Zugang allerdings ewig verwehrt bleiben. Der erste Satz mag vielversprechend sein, aber er drückt auch die gähnende Leere aus, die mich nach den ersten 200 Seiten befiel. So ergab es sich vor ein paar Jahren, dass der Roman mit ca. 30 weiteren Werken von King in die elektronische Bucht wanderte. Man kann sich an einem Autor eben auch satt lesen.
Sollte ich je ein Buch schreiben, dann wird es vermutlich mit “Wir werden alle sterben!” anfangen.